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Einführungsvortrag am Fachtag "Märchen für die Grundschule"

Prof. Dr. Rüdiger Steinlein

Liebe Teilnehmerinnen am Workshop!


I

Kinder und Märchen – das scheint eine naturgegebene Verbindung zu sein. Kinder lieben Märchen, Kinder brauchen Märchen, Märchen sind wegen ihrer Wandlungsfähigkeit und Unverwüstlichkeit, wegen ihres hohen Bekanntheitsgrades ein besonders geeignetes literarisches Medium, um mit Kindern spielerisch Aspekte ihrer Lebenswirklichkeit zu erschließen.

 

Ich werde in der nächsten guten halben Stunde versuchen, Ihnen aus der Sicht des Literarhistorikers ein paar Einblicke in die Debatten um Kind und Märchen, um die Tauglichkeit von Märchen für Kinder zu geben. Sich diese Debatten in den Grundzügen zu versichern, könnte – so meine ich – auch ganz nützlich für Ihre praktische Arbeit an und mit Märchen heute sein.

 

Also: Wie sieht es mit dem Verhältnis von Kind und Märchen aus? Brauchen Kinder Märchen? Und: Sind Märchen die eigentliche und natürliche Kinderliteratur?

Die Beantwortung der ersten Frage, deren Behauptungsform auf das seinerzeit große Aufmerksamkeit erregende Buch des Psychoanalytikers Bruno Bettelheim zurückgeht, das sie in der deutschen Übersetzung als Titel trug, ist heute – denke ich – dahingehend entschieden, dass Konsens darüber herrscht: Märchen sind bestens geeignete literarische Angebote an Kinder im Vorschul- und im Erstlesealter. Sozusagen Eingangsliteratur in den Bereich der literaturvermittelten ästhetischen Welterfahrung. Das war nicht immer so, wie Sie vermutlich wissen und wie ich Ihnen im Zusammenhang mit der Beantwortung der zweiten Frage im Folgenden etwas genauer erläutern möchte. Wenn ich hier von Märchen spreche, dann meine ich in erster Linie jenen Erzähltyp, wie er durch die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm für den deutschsprachigen Kulturraum prägend geworden ist. Insbesondere geht es in den Stellungnahmen zum Märchen im Kindesalter meist stillschweigend um den Typus "Zaubermärchen".

 

II

Als Jacob und Wilhelm Grimm 1812 und 1815 ihre Sammlung erstmals veröffentlichten, da war der Titel noch keineswegs die Beschreibung eines allgemein durchgesetzten Märchenverständnisses und eines ihm entsprechenden Rezeptionszustandes, sondern Programm, Zukunftsmusik sozusagen: diese Texte sollten als bürgerliches Erziehungs- und erbauliches Lesebuch im Familienkreise dienen und nicht zuletzt auch Kindern in die Hand gegeben werden können. D.h. die KHM hatten zu Beginn des 19. Jh.s keineswegs bereits den Status unangefochten akzeptierter Kinderlektüre oder waren gar Inbegriff von Kinderliteratur (von Erstlesestoffen sprach man damals auch noch nicht). Die Akzeptanz dieser von ihren Sammlern, Bearbeitern und Herausgebern als Kinder- und Hausmärchen bezeichneten Erzähltexte als neueste Errungenschaft der Kinderliteratur wurde bei den Literaturpädagogen, also den bereits damals maßgeblichen Fachleuten in dieser Frage – meistens waren es zudem noch Theologen - zunächst auf längere Sicht noch dadurch behindert, dass die rationalistischen, phantasiefeindlichen, aber auch streng moralisch ausgerichteten Positionen der Märchenkritik der Aufklärung nachhaltig fortwirkten.

 

III

Johann Karl August Musäus, der im ausgehenden 18. Jh. (noch Jahrzehnte vor den Brüdern Grimm) eine Sammlung mit dem Titel "Volksmärchen der Deutschen" vorgelegt hat (1782 – 86 erschienen; darin eine Verion des "Sneewitchen"-Märchens sowie Rübezahl-Sagen), entwirft aus seinen Beobachtungen zum Erzählen von Märchen das folgende kleine Szenario. Zugleich fügt er eine Kurzdefinition von Märchen ein. Zitat: "Das Kind verläßt sein liebes Spielwerk, Puppe, Steckenpferd und Trommel, der wildeste Gassenläufer sitzt still und horchsam, wenn ein Märchen, das ist, eine wunderbare Dichtung seine Phantasie anfacht, hört stundenlang mit gespannter Aufmerksamkeit zu". Stundenlange Aufmerksamkeit bei der Märchenrezeption! Kinder im Vormedien-Zeitalter…

Andererseits weist Musäus aber auch entschieden darauf hin, daß die Vereinnahmung von Volksmärchen als Kinderliteratur, die sich am Ende des 18. Jh.s bereits abzuzeichnen beginnt, auf einem Irrtum beruhe – Zitat: "Volksmärchen sind […] keine Kindermärchen[…] im Kinderton der Märchen meiner Mutter Gans erzählet"; und zwar deswegen nicht – so das pragmatische Argument des Autors -, weil – Zitat "ein Volk […] nicht aus Kindern (besteht), sondern hauptsächlich aus großen Leuten, und im gemeinen Leben pflegt man mit diesen anders zu reden, als mit jenen." (Musäus: Volksm.d.Dt., München 1977, S. 7) Märchen waren am Ende des 18. Jh.s populäre Unterhaltungsliteratur

In dieser Argumentation wird deutlich, dass Märchen bereits mit Kinderliteratur in engsten Zusammenhang gebracht wurden, wie der Verweis auf die prominente Märchensammlung von Charles Perrault "Contes de ma mère l' Oye" (1697) belegt. Für diese Bemühungen kann beispielhaft die 1787 erschienene Sammlung "Kindermährchen aus mündlichen Erzählungen gesammelt" des Theologen Wilhelm Christoph Günther stehen. Der Titel, der bereits einen wesentlichen Teil des nachmalig von den Grimms benutzten enthält, ist Programm. Das Argumentationsmuster, das Günther in einem der Sammlung vorangestellten "Gespräch zwischen mir und meinem Freunde", bemüht, hebt ganz auf die Affinität von kindlicher Weltsicht und Weltsicht der Märchen ab; nämlich den Glauben an die Wirklichkeit des Wunderbaren und die Dominanz der Phantasie. Kinder sind demzufolge besonders für Phantasieanreize offen und darüber auch zu beeinflussen.

 

IV

Entscheidend für den Aufstieg des Märchens zu einem der bevorzugtesten Genres der Kinderliteratur, schließlich zum idealen und gleichsam naturwüchsigen Rezeptionsgegenstand bzw. Erstlesestoff für Kinder ist der Wandel in der Einstellung zum Märchen; und zwar weg vom aufklärerisch-rationalistischen Verdikt, demzufolge das Volksmärchen für Kinder als besonders gefährlich galt, weil es als Erzählgut der ungebildeten Unterschichten Aberglauben fördere und damit die Ausbildung eines ordentlichen Realitätssinnes verhindere. Die Aufklärungspädagogik war gegen Märchenerzählungen aus dem Volksmund (die sog. Ammenmärchen als krude, abergläubische Gespenstergeschichten in nicht literaturfähigem Gewand). Von Christoph Martin Wieland stammt die bekannt gewordene Empfehlung - Zitat "Ammen-Mährchen, im Ammen-Ton erzählt, mögen sich durch mündliche Überlieferung fortpflanzen; aber gedruckt müssen sie nicht werden." (Neuausg. 2007, S. 11. Vorrede zu seiner Sammlung "Dschinnistan" (1786/89) – Untertitel: "Auserlesene Feen- und Geistermärchen". Und diese Empfehlung ist noch vergleichsweise sehr liberal!

Bahnbrechend für den Einstellungswandel gegenüber dem Volksmärchen waren die Ideen Johann Gottfried Herders. Sie wurden von der Romantik zu ihrem Höhepunkt geführt. In ihrem Gefolge entstanden dann auch die Kinder- und Hausmärchen der Grimms.

Darin ist ein weiterer Aspekt enthalten, der bei der Etablierung des vormals abgewehrten Volksmärchens als Kinderliteratur eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte: die Tauglichkeit des Märchens als Medium elementar literarisch-ästhetischer Erziehung und zugleich damit auch Förderung eines um Kultur und Literatur zentrierten deutschen Nationalbewusstseins. Zu deren wichtigstem Ort entwickelte sich neben der bürgerlichen Familie im Laufe des 19. Jahrhunderts der Deutschunterricht v.a. in den unteren Klassenstufen. Das Volksmärchen wird nunmehr in den Rang einer nationalpoetischen Bildungskraft erhoben. Schon die KHM der Brüder Grimm verstehen sich als nationales Kulturprogramm. Sie bilden einen Teil des kulturellen Rettungsschirmes und der Kompensation für das 1806 endgültig zerbrochene  Heilige Römische reich deutscher Nation, das immerhin bis dahin ein gemeinsames Staatshaus der Deutschen gebildet hatte (wie unzulänglich auch immer es v.a. zuletzt gewesen sein mochte).

 

V

Warum hat man ausgerechnet dem Märchen eine so herausragende Bedeutung bei der Ausbildung einer nationalen, sozusagen 'deutschheitlichen' Seelenbildung der Kinder als den zukünftigen Repräsentanten ‚deutschen Wesens' zugeschrieben?

Einigen Aufschluss darüber kann man aus der Vorlesung des Privatgelehrten Bogumil Goltz erhalten, die er in den 1860er Jahren unter dem Titel "Das deutsche Volksmärchen und sein Humor" gehalten hat. Für Goltz ist das Märchen ganz in der Herder'schen wie der romantischen Tradition, auf die er sich unter ausgiebiger Zitierung aus der Vorrede zu den Grimm'schen KHM ausdrücklich beruft, die tiefste und schönste Offenbarung des deutschen Volksgeistes – Zitat "Wir werden sehen und beherzigen, wie sich die deutsche Cultur-Geschichte, die deutsche Volks-Seele und der deutsche Verstand eben im deutschen Märchen offenbaren […] Das deutsche Volksmärchen ist eine wahrhaftige Naturgeschichte der deutschen Sitte und des deutschen Gemüths […] Im deutschen Märchen allein sind die Menschen so organisirt, alle natürlichen Dinge, alle menschlichen Verhältnisse so überdacht, so überdichtet, gewürdigt und geordnet, wie es ein deutsches Herz träumt und ein deutscher Verstand realisirt. Im deutschen Märchen allein findet der deutsche Mensch seine Kindheit, seine Jugendliebe, seine Sehnsucht und poetische Welt-Anschauung, seine Alters-Weisheit und Jugend-Thorheiten, seine Paradies-Träume, Grillen und Phantasmagorieen, findet seine geheimsten Herzens-Sympatieen und Humore." (B.G. Vorl., Bd. 2, Bln. 1870, S. 229, 232, 238).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und noch einmal intensiviert durch Kunsterziehungsbewegung um 1900 hat sich das Volksmärchen als Grundmedium (literar-)ästhetischer Erziehung mit volkspädagogischer Ausrichtung voll etabliert. So ist es z. B. auch in den Lesebüchern seit den 1880er Jahren ganz selbstverständlich und unangefochten als Lesestoff vertreten.

Wie eng dieses Projekt ‚Erzeugung und Förderung eines gemeinsamen deutschen Nationalgefühls aus dem Geiste des deutschen Volksmärchens' mit der Privilegierung des Märchens als den Kindern angemessenste fiktionale Literaturform verzahnt ist, mag ein weiteres Zitat belegen. Es stammt aus einem Vortrag, den der bedeutende Literaturpädagoge und KJL-Theoretiker Heinrich Wolgast unter dem Titel "Was und wie sollen unsere Kinder lesen?" im Jahr 1900 gehalten hat. Wolgast fasst die gesamte Entwicklung des Märchens zum Vorzugsmedium muttersprachlicher ästhetischer und deutscher (nicht-nationalistischer! – er war Sozialdemokrat) Erziehung so zusammen – Zitat

"Wie die Mutter bald nach dem Kinderreim das Märchen auftreten läßt, so sollte auch die Schule an die Pflege des Kinderliedes die Lektüre des Märchens anschließen. Auch beim Märchen waltet das freie Spiel der Phantasie; die dichterische Schöpferkraft setzt sich, auf das völligste der Eigenart der kindlichen Geisteskräfte entsprechend, kühn über die Grenzen der Wirklichkeit hinweg […] Komposition und Charakteristik, Stimmung und Lokalschilderung entsprechen ganz der  kindlichen Auffassung, wie sie einer von unserm Standpunkt aus kindlichen Weltanschauung entsprungen sind, aber sie sind – darin liegt ihre Bedeutung für die ästhetische Erziehung – vollwertige Dichtungen […] Lassen Sie uns sehen, was sich auf unserm Wege, der von der Kinderstube und der Volksdichtung ausgegangen ist [als geeigente Kinder- und Jugendlektüre] findet. Da sind zunächst die Grimmschen Kinder- und Hausmärchen […] jedes deutsche Kind, das lesen gelernt hat, sollte in diesem wundervollen Buche, das in die Weltliteratur übergegangen ist, dem Urquell deutscher Dichtung, der dichtenden Volksseele lauschen lernen. Das muß sozusagen obligatorische Lektüre sein." (H.W.: Vom Kinderbuch. Ges. Aufs. Bln/Leipz. 1906, 190 ff).

 

VI

Weitere Absicherung erhält die Aufwertung des Volksmärchens zum privilegierten Textmedium im Muttersprachunterricht, durch verschiedene psychologische Forschungen und deren Schlussfolgerungen zur analogen Strukturierung von Märchen und kindlicher Phantasie. Es kommt zu einer Theorie der gewissermaßen prästabilierten Bezüglichkeit zwischen der Organisation des kindlichen Phantasie- und Seelenlebens und derjenigen des Märchens. Diese Theorie hat ihre wahrscheinlich literaturpädagogisch wirkungsreichste Ausformulierung in der Schrift der Psychologin Charlotte Bühler gefunden: Das Märchen und die Phantasie des Kindes (erstmals 1918).

Bühler weist in ihrer Studie daraufhin, dass in der psychologischen Forschungsliteratur – Zitat "mehrfach […] bemerkt worden [ist], daß ein besonders enger Zusammenhang zwischen dem Märchen und der kindlichen Phantasie besteht." (Bühler 1918, 2. Aufl. München 1961, S. 23) Aufgrund klinischer Beobachtungen und Umfragen im deutschen Sprachraum, bei denen sich das Grimmsche Märchenmodell als dominant erwiesen hat, kommt Bühler zu dem Schluss – Zitat "daß die gepflegten Kinder sich etwa vom vierten bis achten Lebensjahr intensiv mit Märchen beschäftigen […] Am Ende dieses Märchenalters hört da Grimmsche Märchen nicht völlig auf, eine Rolle zu spielen, wird aber bereits ergänzt und abgelöst von anderem Lesestoff, zunächst von den in Deutschland sehr beliebten Andersenschen Kunstmärchen." (S. 25) Dieser Rezeptionsbefund (in dem seltsamerweise die ebenfalls sehr beliebten Märchen Wilhelm Hauffs fehlen) dürfte für den Erhebungszeitraum – also etwa die 1910er Jahre – einigermaßen zutreffend sein.

Die Leitfrage Bühlers lautet – Zitat "Was lehrt uns das Märchen über die kindliche Phantasie?" (S. 24) Diese ergibt sich aus der Beobachtung, dass Kinder gerade in Märchen etwas zu finden scheinen, was sie in einer bestimmten Entwicklungsstufe anspricht. Die zweite Leitfrage Bühlers lautet – Zitat "Was macht Märchen zur Literatur des Kindes?" (S. 30) D.h. sie fragt nun nach den Gründen eines rezeptionsgeschichtlich gewordenen und um 1900 bereits selbstverständlich scheinenden Zustandes.

 

VII

Auch die Psychoanalyse Sigmund Freuds entdeckt – bereits in den Schriften ihres Begründers – das Märchen als ergiebigen Forschungsbereich. Speziell im Umkreis der seit 1926 erscheinenden "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" finden sich interessante Beiträge zum Thema "Kind und Märchen". Dies der programmatische Titel eines Aufsatzes aus dem Jahr 1931 - Zitat "Vom Märchen sprechen, heißt seine Beziehung zum Unbewußten untersuchen […] dieses innere Naturgeschehen […] Von den Erziehern aber erwartet man, daß sie dieses Geschehen, das Triebleben des Kindes unsichtbar machen, daß sie verdeckt halten, was immer wieder nach Ausdruck drängt." (Zs.f.psa.Päd. 5, 1931, S. 107 f) Die Leistung der Psychoanalyse wird am Beispiel der Verwendung von Märchen im Prozess der literarischen Sozialisation von Kindern gerade darin gesehen, dass sie verborgene und auch unerwünschte psychische Entwicklungsvorgänge im Kind berücksichtige und bei entsprechender Märchenverwendung auch dazu verhelfe, negative Tendenzen im Mitphantasieren mit Märchenszenarios (Straf- und Grausamkeitsphantasien) abzureagieren bzw. aufzulösen.

Märchen werden in der psychoanalytischen Märchentheorie also nicht harmonisierend, sondern konfliktbezogen verstanden und pädagogisch-therapeutisch einzusetzen versucht. Der solcherart eruierte Phantasiegehalt von Märchen, auch Mythen und Volkssagen, Legenden etc. wird in Beziehung gesetzt zum Geschäft des Erziehens. Es geht, wie ein anderer Beitrag formuliert, um die – Zitat "Beziehung zwischen Märchenerzählen und Erziehen" ( "Die Rolle des Märchens in der Kleinkinderziehung" Zs.f.psa. Päd. 11, 1937, S, 5).

Was hierin den 1930er Jahren erörtert wurde, enthält im Grundriss genau jenes Märchenverwendungsplädoyers, das Jahrzehnte später für großes Aufsehen sorgen sollte: Bruno Bettelheims "Kinder brauchen Märchen" (1977, engl. Originaltitel: The Uses of Enchantment – wörtlich übs. etwa Der Nutzen der Be/Verzauberung 1975).

 

VIII

 Bettelheim beabsichtigt, mit seinem Buch die Frage zu beantworten – Zitat "warum Märchen für Kinder so voller Bedeutung sind und warum sie ihnen helfen, mit psychologischen Problemen des Wachsens und der Persönlichkeitsintegration fertig zu werden." (KbrM, Stuttgt. 1977, S. 19). In psychoanalytischer Tradition geht es ihm um den pädagogisch-therapeutischen Nutzen von Märchenrezeption bei Kindern. Märchen enthalten für den Psychoanalytiker Bettelheim ein einmaliges Angebot an  hilfreichen und heilsamen Phantasieszenarios und Konfliktmodellen zur vor-therapeutischen Lösung oder zumindest Entschärfung unbewusster Ängste und Spannungen im Kind. Z.B. in der Möglichkeit, Rache- und Destruktionsgefühle gegen eine an sich geliebte Person wie Mutter, Vater oder Geschwister etc. in der Phantasie lustvoll und ohne Schuldgefühle auszuleben.

Das Volksmärchen – so Bettelheim – erzählt in einem altertümlichen Gewande Geschichten, deren Konflikte für das Kind wesentlich sind; Geschichten, die – Zitat "sein Leben […] bereichern […] seine Phantasie anregen und ihm helfen, seine Verstandeskräfte zu entwickeln und seine Emotionen zu klären […] [Volksmärchen] lehren […] zwar wenig über die Verhältnisse des modernen Lebens in der Massengesellschaft, denn sie wurden erfunden, ehe diese entstand. Über die inneren Probleme des Menschen jedoch und über die richtigen Lösungen für seine Schwierigkeiten in jeder Gesellschaft erfährt man mehr aus ihnen als aus jeder anderen Art von Geschichten im Verständnisbereich des Kindes." (KbrM, S. 10 f) Diese Leistung sieht Bettelheim als quasi Alleinstellungsmerkmal von Märchen und Mythen, weil die ihre Handlungen und Botschaften in eine aus weit in die Vergangenheit zurückreichenden Wurzeln gespeiste Symbolform gössen. Moderne Kinderliteratur reiche da nicht an die Märchen heran. Ich vermute, dass Bettelheim auch den modernen psychologischen Kinderroman mit einbeziehen würde. Das Märchen biete existenziell bedeutsames Menschheits(konflikt)wissen in poetisch gestalteter Phantasieform. Es erzähle den Kindern in zugänglichen, nachvollziehbaren einfachen Bildern und Formen elementare existenzielle Probleme und Konflikte (z.B. mit dem Erwachsenwerden, der Ablösung von den Eltern etc.).

 

IX

Gegen die allgemeine Hochschätzung des Märchens wurden allerdings auch im 20. Jh. kritische Einwände erhoben. Die kamen im Zuge der antiautoritären Bewegung von 1968. Die Hauptargumente der antiautoritären Gegner von Märchenverwendung im Kindesalter ähneln im Übrigen sehr denjenigen der Aufklärunspädagogik. Märchen, dem durchaus phantasieformende Wirkung zugesprochen wird, stehen nun im Verdacht, das kindliche Bewusstsein mit fatalen weltanschaulichen Strukturen zu verbilden. So äußert der verdienstvolle KJB-Verleger Hans-Joachim Gelberg in einem programmatischen Nachwort zu der von ihm initiierten Um- bzw. Neudichtung vieler Grimm-Märchen durch Janosch, die u. d. T. "Janosch erzählt Grimms Märchen" 1972 erschien und viele wirklich witzige parodistische, aktualisierende Umschriften einer Reihe berühmter Grimm-Märchen enthält (z.B. wird Hans mein Igel zu einer Art Motorrad-Rocker) – Zitat "In unserem Land hat der Erwachsene ein Mißverhältnis zum Märchen […] Vielleicht hängt das mit der Überdosis ‚Grimm' zusammen, die wir seit Generationen verdauen." Und nun kommt das weltanschauliche Sündenregister der Grimm-Märchen – Zitat "Die Bösen, weil sie so böse und ungehorsam sind, kommen um, die Guten, weil sie so treu und folgsam sind, leben fröhlich weiter […] Noch andere Bedenken stellen sich ein. Die Märchen der Brüder Grimm sind in einer längst vergangenen Zeit entstanden und weitererzählt worden. Sie bieten gesellschaftliche Strukturen an, die wir überwunden haben oder ablehnen. Dort heißt es, wer arm ist, muß demütig und gehorsam sein – nur so kann es geschehen, daß der arme Mann aus dem Volk belohnt wird, daß der reiche Prinz die Müllerstochter heiratet […] Die stupide Webart vieler Märchen bei Grimm erzieht zum konservativen Denken. Da der Gute seinen Lohn und der Böse seine Strafe findet, und da der Gute dieser Märchen in der Regel untertänig, arm, gläubig ist […] entstehen für Kinder die falschen Wertmaßstäbe." (Nachw. Jan. erz.Gr.s M. 1972, 249 f)

Soweit diese Fundamentalkritik als Dokument der damaligen Märchenkritik. Bei genauerem Zusehen erkennt man ziemlich rasch, wie tendenziös, verkürzend und auch handfest falsch diese Interpretation ist. Aber das wäre Gegenstand eines eigenen Seminars. Eine Entgegnung darauf haben im Übrigen bereits zwei Jahre später (1974) die beiden Bremer Literatur- und Kulturwissenschaftler, Dieter Richter und Johannes Merkel formuliert in ihrer immer noch lesbaren Studie "Märchen, Phantasie und soziales Lernen". Hauptpunkt hier ist, dass es sich bei den Handlungs- und Figurenkonstellationen dieser Märchen (unabhängig von ihrem biedermeierlichen ‚Beiwerk' in der Fassung von Wilhelm Grimm) im Kern um Phantasie-Utopien vorkapitalistischer Unterschichten handelt, in denen deren Sehnsucht nach Ausbruch aus bedrückenden Verhältnissen, nach Aufstieg und allem, was ihnen die Realität verwehrte. Diese Märchen also eine Mischung aus kompensatorischer und rebellischer 'Volks'phantasie beinhalteten. So sei auch der notorisch glückliche Ausgang zu erklären. Und dieser Kern sei mit der Verbiedermeierlichung und bürgerlicher Moralisierung im Lauf des 19. Jhs. überdeckt und auch seiner ursprünglich rebellisch-utopischen Dimension entkleidet und somit für bürgerlich-repressive Erziehungszwecke einschließlich der Grausamkeit nutzbar gemacht worden.

Der Begriffsgebrauch "Märchen" bzw. "Grimms Märchen" in den hier vorgestellten Beiträgen ist – wie eingangs bereits angedeutet - natürlich ziemlich undifferenziert. Das können Sie allein schon daraus ersehen, dass das Textkorpus der 200 Nummern der großen KHM-Ausgabe (ohne die Kinderlegenden) sich aus den unterschiedlichsten Genres zusammensetzt. Märchen im Sinne von Zaubermärchen bilden zwar den Hauptteil, aber daneben finden sich Unter- und Mischformen, die davon abweichen. Prominent ist das Subgenre des sog. Schwankmärchens. Beispiel "Das tapfere Schneiderlein" oder "Hans im Glück". "Der Hase und der Igel" (KHM 187), mit dem Sie hier arbeiten wollen, ist ein "Schwankmärchen" unter Tieren, noch dazu auf plattdeutsch. Hier wäre dem Aspekt der Komik und des Lachpotenzials als Wirkungsfaktor bei Kindern eine größere Aufmerksamkeit zu schenken, der in klassischen Zaubermärchen wie "Schneewittchen", "Hänsel und Gretel" oder "Aschenputtel" entweder gar keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt (als humoristische Inszenierung der Zwerge etwa).

 

X

Wie sieht es mit den Leistungen bzw. Defiziten der poetischen Phantasieform Märchen heute aus – angesichts einer gewaltigen Fülle von attraktiv gestalteten Fantasy-Angeboten in Literatur und Film/audiovisuellen und elektronischen Medien?

Inwieweit die Stimme des Märchens im Riesenkonzert der Unterhaltungsangebote für Kinder hörbar ist und es als Rezeptionsangebot für Kinder im Vorschul- und Erstlesealter seinen Platz insgesamt behaupten konnte, vermag ich nicht bündig zu beantworten. Soviel scheint aber klar: sicherlich nicht in der puristischen Form etwa des originalen Grimmschen Wortlautes aus den Kinder- und Hausmärchen, sondern eher als Vorlage für Neufassungen und mediale Adaptionen. Ferner mangelt es nicht an Bemühungen, Kinder mit Hilfe der verschiedensten unterrichtlichen Vermittlungsformen mit Märchen vertraut zu machen und ihnen deren Phantasiepotenziale zu erschließen.

Dass das gelingen kann, liegt nicht zuletzt an bestimmten – ich möchte fast sagen – universalen Struktureigentümlichkeiten von Märchenhandlungen. Und die existieren unabhängig von der konkreten Ausformung der Handlung, der Figuren und der Schauplatzwahl. Ich nenne diese eigentümliche universale Handlungs- als Problemlösungsstruktur des Märchens auch seine mythische. Auf ihr beruht auch die Unverwüstlichkeit des Märchens und seine erstaunliche Fähigkeit, sich allen erdenklichen Verhältnissen anzupassen. Im Kern bleiben immer die alten Fragen und Probleme von gut und böse, Glück und Unglück, Lohn und Strafe – um nur die zu nennen. Und die lassen sich selbstverständlich alle aktualisieren in Figurenarsenal, Schauplatz und Handlung.

Die Grundstruktur des Zaubermärchens lässt sich ganz allgemein so skizzieren:

Am Anfang steht die Störung einer gegebenen Ordnung. Die kann ganz verschieden aussehen: Ein Unglücksfall wie der Tod des Vaters, aber auch die Geburt eines Kindes kann die bisherige Ordnung der Dinge durcheinanderbringen. Darauf folgt die zentrale Handlungssequenz, deren Inhalt die Lösung des Problems, die Entstörung und die Wiederherstellung der Ordnung auf einem höheren Niveau ist (dem Glückszustand am Ende des Märchens). Agent dieser Handlungssequenz ist der Märchenheld (meist männlich, aber auch durchaus weiblich) und – das scheint mir wichtig –häufig eine Figur ohne besondere Eigenschaften, ja sogar ein "Dummling"! An ihn ergeht der Auftrag zur Lösung/Entstörung. Die Erfüllung des Auftrages wiederum erfordert in aller Regel den Aufbruch in eine ihm unbekannte Welt. Aufbruch ins Ungewisse ist zugleich das Kennzeichen von Abenteuer, eben weil es da zu unvorhersehbaren Begegnungen kommt; und zwar meist solchen der gefährlichen, existenziell fordernden Art. Zum Figurenarsenal dieser Handlungssequenz gehören nicht zuletzt neben den notwendigen Widersachern auch die ebenso wichtigen Helferfiguren, ohne deren Hilfe der Held den Auftrag nicht erfüllen könnte.

Am Ende der Handlung steht die Lösung der Aufgabe, des Problems durch Wiederherstellung der Ordnung. Die schließt auch eine Bestrafung der an der Störung Schuldigen mit ein. Das Volksmärchen geht hier bekanntlich mit den Betreffenden nicht gerade zimperlich um. Ein Punkt, der in der Vergangenheit zumindest immer wieder die Kritik wegen der für Kinder nicht zuträglichen Darstellung von Grausamkeiten hervorgerufen hat.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit geht. Mir scheinen die Bilder von Bestrafung von Bösewichtern im Volksmärchen, weil verfremdet und ferngerückt, erheblich unbedenklicher als das, was über die Medien ansonsten alltäglich auf Kinder einwirkt.

Märchen sind ja ursprünglich Erzähltexte, keine Spielvorlagen. Sie leben vom mündlichen Vortrag und dessen Möglichkeiten, das Erzählte dem jeweiligen Publikum ganz zwanglos und aus der Situation heraus anzupassen. D.h. Märchen sind eigentlich keine Buchliteratur, wie die KHM, mit einem kanonischen Wortlaut. Daher sind sie gewissermaßen ‚bearbeitungsfrei' in viele Richtungen.

In jedem Fall bedarf es bei der Arbeit mit Märchen im kindlichen Erlebnisbereich der Überlegung, was da wem und wie angeboten wird; etwa hinsichtlich der Genrefrage: Großes Zaubermärchen, Märchenschwank, Fabel. Einmal initiiert entwickelt die Märchenarbeit ihre ganz eigene Dynamik und Faszination, der sich schließlich auch mediengewohnte und –verwöhnte Kinder nicht verschließen können und werden.

Wenn Ihnen das gelingt, dann haben Sie gewissermaßen wieder das Musäus-Niveau erreicht – Sie erinnern sich: "stundenlange gespannte Aufmerksamkeit" und Spaß. Das wünsche ich Ihnen allen für den Workshop!

 


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