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DARF MAN MÄRCHEN FÜRS THEATER MODERNISIEREN?

Märchen und die Lebenswirklichkeit von Kindern

von Anne Paffenholz, Theaterpädagogin und Dramaturgin

 

Warum erzählt man heute eigentlich noch Märchen? Warum zeigt man sie auf der Bühne? Und darf man Märchen eigentlich modernisieren? Hierauf gibt es verschiedene Antworten. Zum einen kann man Märchen im Theater aufführen, um eine heile Welt zu zeigen, die es im wirklichen Leben nicht gibt. In diesem Modell ist Theater ein Ort zur Realitätsflucht: Gezeigt wird eine Märchenwelt, in der alles und alle gut und schön sind. Die Lebenswirklichkeit der Kinder kommt hier selten vor.

Man kann diese faszinierenden Geschichten, die voll sind von Konflikten, Schwierigkeiten und Gefahren, auch nehmen, um etwas über die heutige Welt zu erzählen. Das heißt, man darf, man kann und man SOLL Märchen modernisieren. Das heißt nicht, das jede Aktualisierung per se gut und gelungen ist. Modernisierung um der Modernisierung willen, die keine inhaltliche Begründung erfährt, macht keinen Sinn. Für eine gelungene Aktualisierung versucht man, das Märchen in die Jetztzeit zu holen und es mit Elementen aus der Realität zu erzählen. Eine Geschichte von heute für Menschen von heute. Auf märchenhafte Elemente (Zauberkräfte, magische Momente, Wunder, sprechende Tiere etc.) muss und soll man dabei nicht verzichten, und genau das ist der spannende Punkt, wenn sich Realität und Märchenhaftes begegnen.

Am THEATER AN DER PARKAUE sind wir der Meinung, dass es keinen Sinn macht, Kindern auf der Theaterbühne Probleme vorzuenthalten: Wenn es im wirklichen Leben Schwierigkeiten und schlimme Momente gibt, dann kann man sie auch im Theater zeigen. Wichtig ist es, den Kindern Lösungsansätze für diese Probleme zu zeigen. In der SCHNEEKÖNIGIN z.B. schaffen es Kinder, sich gegen Erwachsene, die ihnen nichts Gu­tes wollen, durchzusetzen. Und hier setzt das Happy End ein: Gerda, Kai und ihre gemeinsamen Freunde sind Schneekönigin und Kommerzienrat überlegen und können die Geschichte so für sich entscheiden. Die Kinder im Publikum, die von Anfang an Partei für Gerda und Kai ergreifen, sind damit genauso Sieger – etwas, was ihnen im normalen Leben (aus welchen Gründen auch immer) möglicherweise vorenthalten bleibt. Und so kommt das Märchenhafte auch in der nicht immer schönen Realität vor.

Die sechste Neuinszenierung der SCHNEEKÖNIGIN am THEATER AN DER PARKAUE hat hohe Wellen geschlagen und eine (seit dem Intendantenwechsel 2005) so nicht dagewesene Diskussion ausgelöst. Lehrer und Eltern haben sich in zahlreichen Kommentaren auf unserer Internetseite sowie in Zuschauerbefragungen zu Wort gemeldet. Dabei ist ein vielfältiges Meinungsbild entstanden, das – grob zusammengefasst – so wiederzugeben ist: Ein Teil der erwachsenen Zuschauer hat kein Verständnis für die Modernisierung des Märchens, während der andere Teil genau dies als besonders positiven Punkt hervorhebt. Hier gibt es also eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit: Die einen schätzen die Aktualisierung, für die wir uns sehr bewusst entschieden haben, die anderen lehnen sie in Gänze ab. Als Kinder- und Jugendtheater ergibt sich hier für uns ein interessanter Gesprächspunkt, den man mit Lehrern und Eltern diskutieren könnte: Was sind die Erwartungen an Kindertheater im Allgemeinen und an Märchenstücke im Besonderen?

Gespräche mit Kindern im Rahmen von Klassenbesuchen oder bei Wochenendvorstellungen haben gezeigt, dass die Kinder nahezu alle begeistert sind. Sie erleben den Theaterbesuch als extrem spannende Veranstaltung, bei der sie von der ersten bis zur letzten Minute mit voller Aufmerksamkeit und Begeisterung (lautstark zum Ausdruck gebracht durch anfeuernde Rufe für Gerda und Ausbuhen von Schneekönigin und Kommerzienrat) dabei sind. Das Thema "Modernisierung oder lieber nicht?" scheint sie so gar nicht zu interessieren. Wozu auch? Sie wollen spannende Geschichten auf unterhaltsame Weise erzählt bekommen und auf der Bühne Helden sehen, mit denen sie mitfiebern können. Und genau das ist es, was wir ihnen auf der Theaterbühne zeigen wollen.

 


 


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