ab 15 Jahren

Gleisanschluss Lichtenberg

Ein Mysterienspiel
von Annett Gröschner
Premiere: 08. Juli 2008
Berlin ist Weltmetropole. Nur London und Paris haben mehr Touristen. Der neue Hauptbahnhof, der gut sanierte Prenzlauer Berg und erst das Nachtleben: Berlin bietet moderne Lebendigkeit, wo auch immer man hinsieht. Zehntausend Menschen in Berlin sind obdachlos, so der SPIEGEL. Der MOTZ-Verkäufer, der Punk mit Hund und die Akkordeonspielerin gehören ebenso zum Stadtbild wie der Fernsehturm. Sie versuchen in einer Stadt zu überleben, die von sich behauptet, arm aber sexy zu sein. Ihre eigene prekäre Situation ist alles andere als sexy. Die Suche nach einem Schlafplatz, nach Essen, das Betteln um Geld und die emotionale Belastung durch die Tatsache, kein Mitglied mehr der Gesellschaft zu sein, stellt die Frage: Wie gehen diese Menschen damit um? Welches Ventil finden sie für ihre Depression? Wovon träumen sie? Welche Biografien haben sie? Fünf Schulklassen haben sich auf Exkursion zum Bahnhof Lichtenberg begeben, einem Ort, an dem Trostlosigkeit und unterschwellige Aggression statt Glamour herrschen: Ihre Aufgabe war es, das, was sie sehen, so genau wie möglich zu beschreiben. Ihre Texte über eine harte soziale Realität lieferten die Grundlagefür das Stück von Annett Gröschner.

Im Zentrum steht eine Gruppe Obdachloser: Sie leben im Wartehäuschen, auf Bänken, in Schließfächern. Immer wieder holt sie ihre Vergangenheit ein, der Blick auf die Zukunft bietet kaum neue Perspektiven. So träumen sie sich den Bahnhof als Ort erfüllter Sehnsüchte. Hier wird getanzt, gesungen und ein Heiliger angebetet. Sie bekennen sich zum Bahnhof als ihrer Heimat und verweigern sich vehement einer passiven Opferhaltung. Für andere Figuren, die hierherkommen, ist der Bahnhof nur eine Durchgangsstation, ein Ort der Dienstleistung, ein mittelmäßiges Einkaufszentrum mit Gleisanschluss, das man besser schnell wieder verlässt.

Armut in Berlin: GLEISANSCHLUSS LICHTENBERG legt den Finger in die Wunde unserer Gesellschaft, es hält die Lupe auf jene Menschen, mit denen man lieber keinen Kontakt möchte, und macht sie zu aktiven Protagonisten ihrer eigenen Geschichte. Die Inszenierung arbeitet mit Musik und Choreografie, mit Videoeinspielungen und surrealen Elementen, die die Lebendigkeit des scheinbar trostlosen Ortes überhöhen. Die Berliner Autorin Annett Gröschner hat sich mit fünf Gruppen aus Berliner Oberschulen auf Expeditionstour zum Bahnhof Lichtenberg begeben: Die Schülerinnen und Schüler haben im Rahmen der SCHREIBWERKSTATT BAHNHOF LICHTENBERG ihre Beobachtungen zu Papier gebracht, Annett Gröschner entwickelte daraus das Stück. Die Inszenierung bildet den Abschluss des Projektes Bahnhof Lichtenberg. Annett Gröschner veröffentlichte unter anderem den Roman MOSKAUER EIS.

Für das THEATER AN DER PARKAUE hat sie gemeinsam mit Grischa Meyer DAS 11. GEBOT, ein Stück über die Berliner Gladow-Bande, geschrieben. Mit der Inszenierung GLEISANSCHLUSS LICHTENBERG schließt das THEATER AN DER PARKAUE die Beschäftigung mit dem Bahnhof Lichtenberg ab. Von Januar 2008 bis Juli wurden dort künstlerische Aktionen und Arbeiten präsentiert, die sich auf diesen besonderen Ort einließen und auf ihn reagierten. Am 4. und 5. Juli verabschiedet sich das Theater mit der Abschlussveranstaltung WIR WERDEN HIER LEBEN UND GLÜCKLICH SEIN vom Bahnhof und wird diesen Ort mit der Inszenierung GLEISANSCHLUSS LICHTENBERG ins Theater bringen.
Spielort: Bühne 2
Regie: Sascha Bunge | Theaterpädagogik: Amelie Mallmann | Bühne + Kostüm: Angelika Wedde | Choreografie: Lara Kugelmann | Text: Annett Gröschner | mit: Birgit Berthold, Mathias Biele, Joris Camelins, Lutz Dechant, Stefan Faupel, Helmut Geffke, Dieter Korthals, Corinna Mühle, Peter Priegann, Denis Pöpping, Franziska Ritter, Andrej von Sallwitz, Elvira Schuster, Anja Sielaff