Nachhaltigkeit und Theaterbetrieb – Wie geht das?

Anne Rietschel (Künstlerische Produktionsleiterin), Hermann Meyn (Kommissarischer Theatermeister) und Robert Schumann (Technischer Co-Direktor und Klimabeauftragter) setzen sich an der Parkaue für mehr Nachhaltigkeit ein.

Zusammen mit Arya Hector sprachen sie über die Vielschichtigkeit des Themas – über Veränderung, Prozesse und gemeinsame Erfahrungen.
ARYA Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren immer präsenter geworden, spätestens seit Fridays for Future. Was war euer Impuls, sich auch am Theater an der Parkaue systematisch damit zu beschäftigen?
ANNE Nachhaltigkeit war bei uns schon länger Thema, vieles ist aber einfach so passiert. Ein wichtiger zusätzlicher Impuls war dann die Ausschreibung der Projektförderung Fonds Zero der Kulturstiftung des Bundes. Sie hat Kulturinstitutionen dazu aufgerufen, sich praktisch mit nachhaltiger Arbeit auseinanderzusetzen. Wir haben ein Projekt eingereicht und wurden angenommen. Dadurch konnten wir beginnen, uns systematisch mit dem Thema zu beschäftigen. Einige Dinge hatten wir aber auch vorher schon umgesetzt – etwa den Umstieg auf LED-Scheinwerfer.
HERMANN Auch unabhängig davon begegnet uns Nachhaltigkeit im Alltag immer wieder. Ein Beispiel ist der Energieausweis, den jedes öffentliche Gebäude in Berlin vorlegen muss. Dadurch sieht man erstmals konkret, wie hoch der Energieverbrauch pro Quadratmeter ist. Gemeinsam mit Energieberater*innen werden dann Maßnahmen entwickelt – etwa Dämmungen oder effizientere Beleuchtung. Nachhaltigkeit ist ein großes gesellschaftliches Thema und es liegt an unserer Generation, aktiv zu werden. Als Kinder- und Jugendtheater haben wir daran natürlich ein besonderes Interesse.
ARYA Ein Theaterbetrieb ist sehr komplex. In welchen Bereichen spielt Nachhaltigkeit hier eine Rolle?
ROBERT Zunächst beim Gebäude selbst: Heizen, Lüften, Licht oder Wasserverbrauch sind große Energieposten. Dazu kommt alles, was durch Inszenierungen entsteht – etwa die Produktion von Bühnenbildern oder Kostümen sowie deren Pflege. Für Bühnen- und Dekorationselemente arbeiten wir mit dem Bühnenservice Berlin zusammen, der die Zentralwerkstätten für mehrere Berliner Opern- und Theaterhäuser betreibt. Das ist an sich schon nachhaltig, weil sich mehrere Theater eine Werkstatt teilen. Außerdem können dort Materialien inzwischen auch in einer Datenbank nach ihrem CO₂-Verbrauch erfasst werden.
ANNE Ein Bereich, den wir in seiner Wirkung auf die Emissionen des Theaters unterschätzt haben, ist die Mobilität. Dazu gehört der Arbeitsweg der Mitarbeiter*innen, aber auch die Anreise von Künstler*innen oder Publikum. Bei uns als Kinder- und Jugendtheater kommen viele Besucher*innen mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Reisebussen. Trotzdem verursacht auch das Emissionen, die Teil unserer Klimabilanz sind.

Das klingt nach einer großen Aufgabe.
Wo fängt man da an?

ANNE Wir haben zunächst eine Klimabilanz für das Jahr 2023 erstellt, um überhaupt einen Überblick zu bekommen, wie viel CO₂ im Laufe eines Theaterjahres entsteht. Das sind zwar keine Zahlen, die so eins zu eins auf andere Jahre übertragbar sind, aber so hat man einen Richtwert. Außerdem konnten wir erstmals alle Emissionsquellen sehen – und haben zum Beispiel gemerkt, dass auch die Anreise des Publikums relevant ist.
HERMANN Diese Klimabilanz zeigt den Ist-Zustand. Darauf aufbauend kann man Maßnahmen entwickeln. Dabei wird klar, dass einige dieser großen Faktoren – etwa der Energieverbrauch des Gebäudes oder die Anreise der Besucher*innen – nur begrenzt beeinflusst werden können. Deshalb schauen wir besonders auf die Produktionsprozesse.
ANNE Dabei ist uns zum Beispiel aufgefallen, wie viele Dinge kurzfristig im Internet bestellt wurden. Für die Klimabilanz mussten wir alle Bestellungen eines Jahres durchgehen und feststellen, woher die Produkte kamen. Wenn dann ein Pinsel aus China geliefert wird, obwohl man ihn auch um die Ecke kaufen könnte, ist das natürlich problematisch. Vor allem in der Requisite oder im Kostüm gibt es immer wieder Kleinigkeiten, die dann aber einfach schnell benötigt werden – da gibt es wenig Spielraum. Gerade in den Endproben sind Online-Bestellungen dann der schnellste Weg. Nur eben kein nachhaltiger.
ROBERT Genau da spielt Zeit eine große Rolle. Nachhaltigkeit braucht Planung. Je genauer ein Projekt im Voraus durchdacht ist, desto seltener muss man kurz vor knapp etwas bestellen.
ARYA Konntet ihr schon konkrete Maßnahmen umsetzen?
HERMANN Ja, sowohl im Kleinen als auch im Größeren. Für eine kommende Produktion haben wir uns mit allen Abteilungen zusammengesetzt und überlegt, wie wir möglichst nachhaltig arbeiten können. Eine Idee aus der Kostümabteilung war, Kleidung verstärkt gebraucht zu kaufen oder wiederzuverwenden.
ANNE Dabei haben wir gemerkt, dass Second-Hand-Käufe oft ohne klassische Rechnungen erfolgen und entsprechend anders gehandhabt werden müssen. Gemeinsam mit der Verwaltung haben wir dafür aber Lösungen gefunden – ein echter Aha-Moment.
ROBERT Auch im Bühnenbild spielt Wiederverwendung eine große Rolle. Wir prüfen immer zuerst, ob vorhandene Podeste, Requisiten oder Kostüme aus dem Fundus genutzt werden können. Weggeworfen wird nur, was wirklich nicht mehr verwendbar ist. Außerdem achten wir stärker auf Materialien – zum Beispiel auf Naturwollstoffe im Kostüm oder weniger Kunststoffe im Bühnenbild.
ANNE Auch unsere Theaterclubs arbeiten oft sehr ressourcenschonend. Elemente aus alten Produktionen werden in diesen Projekten regelmäßig wiederverwendet. Das finde ich besonders schön: wenn Dinge weiterleben, auch außerhalb der ursprünglichen Inszenierung.
ARYA Welche Veränderungen sind am einfachsten umzusetzen?
HERMANN Viele Dinge kennt man aus dem privaten Alltag: Licht ausschalten, Heizungen richtig einstellen, Türen schließen. In einem Haus mit viel Publikumsverkehr ist das nicht selbstverständlich und wird gern vergessen. Wenn aber alle darauf achten, kann man bereits viel Energie sparen.
ANNE In der Nachhaltigkeitsdebatte spricht man oft von Fußabdruck und Handabdruck. Der Fußabdruck beschreibt die Emissionen, die wir verursachen. Der Handabdruck steht für unseren Einfluss auf andere. Als Theater haben wir die Möglichkeit, Themen sichtbar zu machen und Menschen zum Nachdenken anzuregen – etwa durch Stücke oder Gespräche wie dieses.
ROBERT Gleichzeitig braucht Nachhaltigkeit Zeit für Planung: Was passiert mit einem Bühnenbild nach der letzten Vorstellung? Wird es eingelagert oder weiterverwendet? Welche Künstler*innen werden eingeladen? In einer Stadt wie Berlin gibt es viele lokale Künstler*innen – dadurch lassen sich lange Reisewege vermeiden.
ARYA Habt ihr das alles selbst nach dem Learning-by-Doing-Prinzip herausgefunden oder tauscht ihr euch mit anderen Häusern aus?
HERMANN Tatsächlich sind wir nicht ganz allein. In Berlin gibt es den Stammtisch Nachhaltigkeit, einen Zusammenschluss verschiedener Theater und Kulturinstitutionen. Dort teilen wir Erfahrungen, laden Expert*innen ein und unterstützen uns gegenseitig – gerade bei komplexen Themen wie der Klimabilanz. Das Thema Nachhaltigkeit lebt unglaublich viel vom gemeinsamen Austausch und von Best-Practice-Erfahrungen.
ARYA Welchen Rat würdet ihr anderen Theatern geben, die sich jetzt auch mehr mit Nachhaltigkeit beschäftigen möchten?
ANNE Ein einfacher erster Schritt ist zu prüfen, ob man bereits Ökostrom nutzt. Das bringt meist nicht mal höhere Kosten. Zusätzlich hilft es, Mitarbeiter*innen für nachhaltige Arbeitsweisen zu sensibilisieren. Stichwort Licht ausschalten und Türen schließen.
HERMANN Wichtig ist vor allem, überhaupt anzufangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und die eigenen Arbeitsprozesse zu hinterfragen. Es muss gar keine komplizierte Klimabilanz sein. Oft entdeckt man einfachere Lösungen, wie der Einsatz energiesparenderer Technik oder nachhaltigerer Materialien.
ROBERT Manche haben zunächst Angst, Nachhaltigkeit könnte Einschränkungen bedeuten. Aber darum geht es nicht. Wenn man gemeinsam darüber spricht und Lösungen findet, merkt man schnell, dass Nachhaltigkeit kein abstraktes Thema, sondern ein Prozess ist. Und den kann man als Team sehr gut gestalten.

Fotos: David Baltzer, Dave Großmann, Sinje Hasheider

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